Uraufführung: “Gegen-Sätze” von Jörn Arnecke

Am 5. November steht im 3. Heilbronner Konzert Barockmusik von Johann Sebastian Bach der Uraufführung des Werkes „Gegen-Sätze“ des Hamelner Komponisten Jörn Arnecke gegenüber. Der Förderkreis für Neue Musik Heilbronn e.V. hat die Komposition in Auftrag gegeben, die speziell für das Württembergische Kammerorchester Heilbronn entstanden ist. Die Leitung des Abends übernimmt Paul Goodwin – ein ausgewiesener Spezialist für historisch informierte Interpretation sowie für neue Musik, Solistin in den Werken der alten und ganz neuen Musik ist Céline Moinet, Solo-Oboistin der Sächsischen Staatskapelle. Johann Sebastian Bachs Brandenburgische Konzerte Nr. 4 und 5 bilden die Klammer um das Konzertprogramm, in dessen Zentrum Musik erklingt, die zum ersten Mal überhaupt der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Welche Beziehung hat Jörn Arnecke als Komponist in der Jetzt-Zeit zu Bach? Welche Ideen standen am Anfang der Komposition? Wie sieht der Komponist sein Publikum? Welchen Einfluss nimmt die Besetzung auf die Komposition? Beim Gedanken an neu entstehende Musik tauchen viele Fragen auf. Fragen, auf die niemand bessere Antworten geben kann als der Komponist selbst.

Arnecke_Foto-Bernd_Thissen_RuhrTriennale_web

Jörn Arnecke schreibt zu seinem Werk:

Jede Komposition benötigt einen Funken, der sie entzündet. Manchmal liefern die Auftraggeber ihn gleich mit: Bei der Komposition, die im Auftrag des Förderkreises für Neue Musik Heilbronn e.V. für das Württembergische Kammerorchester entstand, sollte ich einen Bezug zu Johann Sebastian Bach herstellen. Dies bestimmte meinen Zugang zum Stück: Wie möchte ich mich Bach nähern? Was bedeutet Bach für mich? Wie lässt sich dies in einer zeitgemäßen Tonsprache ausdrücken?

Der andere Weg, in die Komposition zu finden, geschieht bei mir immer über die Besetzung, hier über die Vorstellung der klanglichen Verbindung der Oboe mit dem Streichorchester. Erinnerungen spielen eine Rolle, an viele kammermusikalische Erlebnisse mit Oboe, an Konzertklänge mit dem Württembergischen Kammerorchester. Das Denken und Imaginieren sucht sich seinen Weg, Ideen werden abgeklopft, verwirklicht oder verworfen (eine Zeitlang spielte ich mit dem Gedanken, das Stück als Verbeugung vor Carl Philipp Emanuel Bach zu komponieren – nicht unpassend für eine Uraufführung 2014, im Jahr seines 300. Geburtstages, zumal ich in Weimar lebe, seiner Geburtsstadt – aber ich wollte mich dann doch nicht vor der Auseinandersetzung mit Johann Sebastian Bach drücken).

Bis zum Schluss beschäftigte mich die Frage, wie stark der Hörer oder die Hörerin diesen Bezug zu Bach erfahren soll. Wie nahe darf ich der Musik Bachs treten?

Die „Gegen-Sätze“ zeigen Kontraste. Die Satztitel vermitteln es, geben Impulse, wecken Erwartungen, umreißen Bilder. Dabei habe ich die musikalische Struktur aus der Gegenüberstellung zweier Satztypen gewonnen, die Bachs Musik kennzeichnen: Polyphonie (welche die meisten Musiker mit Bach verbinden: Fuge, Invention, Kanon …) und Homophonie (erfahrbar in Bachs Chorälen, obwohl diese durchaus auch polyphone Anteile enthalten). Damit geht die Oboe als Soloinstrument ganz verschiedene Bezüge zum Streicherapparat ein: Mal führt sie ihn an, mal verschmilzt sie mit ihm, mal kontrastiert sie. Mal spielt sie vertraute Klänge, mal ungewohnte Mehrstimmigkeit, mal Geräuschhaftes wie in der „Schattenfuge“ …

In einem Satz entschloss ich mich, die Verbindung zu Bach besonders deutlich herzustellen. Dies mag Vertrautheit schaffen, es soll aber vor allem die Ohren öffnen, denn die Oboe überlagert hier den Bach-Choral mit der gleichen, gedehnten Melodie; sie entrückt das Zitat unserer Wirklichkeit. Wir erleben Bach in sich selbst reflektiert, ein kurzer Moment der Berührung.

Die Oboe darf immer wieder ihre kantable Seite ausspielen, von den hügeligen Bewegungen, mit denen die Komposition beginnt, bis hin zum letzten Satz mit großen Melodiebögen, die vierteltönig angereichert werden. So soll die Komposition sich – in der Auseinandersetzung mit Bach – gleichzeitig von ihm lösen. Denn ein Vorbild ist auch nur ein Bild.

„Hoffen und trauen“ heißt der vierte Satz nicht ohne Grund. Dies gilt auch für die neue Musik allgemein: Sie muss auf unvoreingenommene Ohren hoffen und sich trauen, aus der Tradition heraus den eigenen Weg zu finden.

 

Der Komponist Jörn Arnecke
Jörn Arnecke, 1973 in Hameln geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Komponisten seiner Generation. Er schrieb Musiktheater-Stücke u.a. im Auftrag der RuhrTriennale („Unter Eis“ mit Falk Richter, Uraufführung 2007), der Hamburgischen Staatsoper („Das Fest im Meer“ nach John Berger, 2003, sowie „Butterfly Blues“ nach Henning Mankell, 2005) und der Oper Bremen („Kryos“ mit Hannah Dübgen, 2011). Weitere Aufführungen erklangen an der Bayerischen Staatsoper, am Zürcher Opernhaus und an der Staatsoper Prag. 2015 wird seine Familienoper „Ronja Räubertochter“ nach Astrid Lindgren an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf-Duisburg uraufgeführt. 2004 war er Hindemith-Preisträger des Schleswig-Holstein Musik Festivals.
Jörn Arnecke studierte Komposition und Musiktheorie bei Volkhardt Preuß und Peter Michael Hamel an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Zuvor hatte er Kompositionsunterricht bei Wilfried Hiller in München. 1997 / 98 war er einer der letzten Schüler von Gérard Grisey am Pariser Conservatoire National Supérieur. 1997 wurde er als Preisträger des Kompositionswettbewerbs der Freien und Hansestadt Hamburg zum Brahms-Jahr ausgezeichnet, 1998 errang er den Förderpreis des Göttinger Symphonie Orchesters.
Jörn Arnecke war Stipendiat der „Studienstiftung des deutschen Volkes“. Er schrieb u.a. Werke im Auftrag der Münchener Biennale, der Expo Hannover und des Brucknerhauses Linz. Am Pariser IRCAM-Institut war er angestellt für das Internet-Projekt „Studio en ligne“. Von 2001 bis 2009 arbeitete er als Teilzeitprofessor für Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, zum Oktober 2009 folgte er einem Ruf auf eine Professur für Musiktheorie und Gehörbildung an die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar.
Die Freie und Hansestadt Hamburg verlieh ihm 2003 das Bach-Preis-Stipendium. Stipendien der Bundeskünstlerförderung führten ihn nach Venedig und Olevano Romano bei Rom. Von April bis September 2009 war er Stipendiat am Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia Bamberg. Eine CD mit seinem Orchesterstück „Frage“, gespielt vom Göttinger Symphonie Orchester unter seiner Leitung, erschien bei thorofon; der Mitschnitt seines Musiktheaters „Das Fest im Meer“ ist bei NCA veröffentlicht.

www.arnecke.de

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