Im Interview: Georg Oyen, Violoncello

Georg Oyen, Foto: Fotostudio M 42

Georg Oyen, Foto: Fotostudio M 42

Du leitest die Konzertreihe in der Glaspyramide der Kreissparkasse, in der die Musiker des WKO Kammermusik spielen. Wie wurde bei Dir die Begeisterung für die Kammermusik geweckt?

Ich war Solo-Cellist im Landesjugendorchester NRW, als unser Konzertmeister vorschlug, einen Quartettkurs zu besuchen. Das war 1980 und da hat es uns erwischt. Es folgten unvorstellbar intensive Studienjahre beim Amadeus-Quartett in Köln und beim Bartók-Quartett in Budapest.

Teamarbeit ohne Hierarchie ist eine Herausforderung. Auch in unserer WKO-Kammermusikreihe war das für viele Neuland, zumindest am Anfang. Aber es ist das, was mir persönlich immer die größte Freude bereitet hat. Es ist sehr spannend und es braucht viel Gruppendynamik, um am Ende zu einer Interpretation zu kommen, hinter der alle stehen, an der sich alle beteiligen können. Ich empfinde das immer noch als eine Art Virus, und der ist unheilbar. Aber er macht nicht krank, sondern gibt immer wieder neue Kraft.

Wie hat sich das Verständnis für Kammermusik im Orchester in den 23 Jahren, in denen die Kammermusikreihe besteht, gewandelt?

Meine Kollegen haben inzwischen sehr viel an Kammermusikerfahrung gewonnen. Das habe ich gemerkt, als ich auf einer Asientournee eines anderen Orchesters ausgeholfen habe: Zehn Konzerte ohne Dirigent, unter Leitung des Konzertmeisters. Da wurde mir bewusst, wie weit die Kunst des „Aufeinanderhörens“ in unserem Orchester entwickelt ist. Und dazu hat sicher auch die Kammermusikreihe beigetragen.

Seit der Gründung 1991 leitest Du die Kammermusikreihe in der KSK, am 27. Mai findet das 200. Konzert der Reihe statt. Was erwartet die Zuhörer zum Jubiläum?

Das Jubiläumskonzert sieht zunächst einmal vergleichsweise traditionell aus. Aber diese Tradition wird in unserem Orchester nicht mehr gepflegt: Es wird ein reiner Barockabend sein, der sich an historischen Festivitäten orientiert. Wir werden mit bis zu acht Musikern auf der Bühne stehen: Streicher, Bläser, Continuoinstrumente wie Theorbe und Truhenorgel; und, was immer wichtig ist, mit einer Sängerin, der Mezzosopranistin Melinda Paulsen. Wir werden vorwiegend italienischen und französischen Hochbarock spielen. Dabei sind nicht nur manche Komponistennamen, sondern auch die Musik selbst unbekannt. Dieses Notenmaterial kann man nicht einfach kaufen, vieles muss aus dem Urtext gelesen, arrangiert, transponiert und neu gedruckt werden.

Anders als bei der Sakralmusik eines Johann Sebastian Bach ist es in der profanen Musik des Barock ordentlich „abgegangen“. Hier geht es immer nur um das Eine. Daher unser Motto für das Jubiläumskonzert: „Amantes Amentes“,was soviel heißt wie „Liebende sind Verrückte“. Und das kann man – angesichts des Arbeitsaufwands – durchaus auch auf unsere Liebe zu dieser Art von Musik beziehen.

 

Worauf kommt es bei der Gestaltung einer solchen Reihe an?

Das größte Erfolgsgeheimnis der Kammermusikreihe ist wohl, dass die Musiker, die auf der Bühne sitzen, die Stücke, die sie ausgesucht haben, auch wirklich selbst zu spielen wünschen. Das hat jenes Vertrauen beim Publikum geschaffen, welches uns erlaubt, auch sehr ungewöhnliche Programme zu präsentieren. Oft kommen Kollegen zu mir, z. B. mit dem Wunsch, das Klarinettenquintett von Brahms zu spielen, und ich mache dann Vorschläge, was man im Programm damit kombinieren könnte. So entstehen bereits die Programme im Konsens. Um eine ganze Saison zu planen, wähle ich dann aus den eingegangenen Vorschlägen eine möglichst ausgewogene Mischung aus, in unterschiedlichen Besetzungen und Stilen.

Du arrangierst für das Babykonzert Kinderlieder und bist immer wieder auch als Dozent tätig. Welche Bedeutung hat die Vermittlung von klassischer Musik für Dich?

Musikmachen ist doch immer Vermittlung! Im Konzert geht es um die Vermittlung der Musik an das Publikum. Aber es geht natürlich auch um Vermittlung an kommende Generationen. Ich selbst habe ja auch Lehrer und Vorbilder gehabt. Und bin sehr glücklich, wenn ich merke, dass ich gelegentlich auch mal in diese Rolle schlüpfe.

Der junge Klarinettist Sebastian Manz, inzwischen Soloklarinettist beim RSO Stuttgart, hat gerade seine neue CD herausgebracht, gemeinsam mit dem „Danish String Quartet“. In seinem Vorwort erwähnt er, dass er das Klarinettenquintett von Robert Fuchs beim ersten Zusammentreffen mit Mitgliedern des WKO unter der Glaspyramide kennengelernt hat. Das hat mich sehr gefreut!

Unterscheidet sich das Heilbronner Publikum in den Orchesterkonzerten von dem der Kammermusikreihe?

Zunächst einmal muss man sagen: Das Heilbronner Publikum ist fantastisch. Dass es gelungen ist, in dieser Stadt über solch einen langen Zeitraum ein solch großes Publikum zu binden, ist wunderbar! Aber die Harmonie ist ein sehr großer Saal, und mit der intimeren Kammermusikreihe wollten wir dem Publikum den einzelnen Musiker näher bringen. Was heute in der Pressearbeit und in der Präsentation des Orchesters Standard ist, fehlte in den 80er/90er Jahren vollständig.

Im kleineren Rahmen ist auch ein Austausch eher möglich als im großen Saal. Ich freue mich immer, wenn Besucher zu mir kommen und mir mitteilen, ob und wie es ihnen gefallen hat. Auch darin drücken Sie Vertrauen aus. Denn das Publikum ist ein aktiver Part dieses Kunstprozesses und möchte wahrgenommen werden. Jedes Gespräch, das ich als Musiker mit einem Besucher während eines Konzertes in der Kreissparkasse führe, ist ein wichtiger Teil dieses Prozesses.

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