Erik Satie “Vexations” – Eine ernste Sache

Erik Satie "Vexations", Bild: Wikimedia Sonia y natalia (CC BY-SA 3.0 DE)

Erik Satie “Vexations”, Bild: Wikimedia Sonia y natalia (CC BY-SA 3.0 DE)

„Vexations“ heißt auf deutsch in etwa Quälereien. Eric Satie verfasst das Stück 1893: drei Notensysteme auf einer Druckseite, mehr nicht. Es handelt sich um Variationen über ein Bassthema; Brahms, der das Stück noch hätte kennen lernen können, hätte daraus vielleicht eine Passacaglia gemacht. Aber für Brahms ist Saties kleines Bassthema harmonisch zu unbestimmt. Man hört es als eine fünftönige Melodie mit zwei Varianten. Die erste Variante scheint, nachdem die ersten fünf Töne sich verschlängelt haben, in c-moll zu stehen, während die zweite eindeutig in E-Dur endet. Wenn sich aber die Variationen über dieses Bassthema erheben, sind derlei Fragen wie weggewischt: Auf dem Thema türmen sich ausschließlich Akkorde aus kleinen Terzen. Diese steuern auf keine Tonart zu, schweben frei jeder Gravitation, wollen nirgendwo hin, wollen nichts.

Pour ce jouer 840 fois de suite

Saties Anweisung verlangt, dass dieses Notenblatt – Thema/Variation 1 / Thema / Variation 2 – insgesamt 840 Mal wiederholt werde. Achthundertvierzig. Ich brauche ungefähr eine Minute für einen Durchgang, also würde eine Gesamtaufführung einen guten halben Tag dauern, 14 Stunden. Die Uraufführung des integralen Werkes erfolgte 1963 durch eine Pianistengruppe um John Cage; zu diesem später mehr. Aufführungen von nur einem Pianisten sind nur wenige dokumentiert, einer hat sich mal die Gehirnströme dabei messen lassen, ob etwas Gutes dabei herausgekommen ist, weiß ich nicht.

Satie hat absolut witzige Texte hinterlassen, aber sein Witz hat immer Schärfe. Wir würden ihn heute nicht Comedian nennen, sondern Satiriker. Sein Humor basiert auf einem grundsätzlichen Nicht-Einverstandensein mit der Welt. Sein zum Lebensmotto stilisierter Stoßseufzer lautete „Ich bin sehr jung auf eine sehr alte Welt gekommen.“

Freundlichkeit und Höflichkeit

Die „Vexations“ sind kein Witz. Sie spitzen dieses Nicht-Einverstandensein zu. Nicht-Einverstandensein mit einer Musik, die den Zuhörer permanent am Kragen packt, ihn schüttelt und ihn anschreit: Hörmirzu! HörMIRzu! Musik von Wagner, von Mahler, von Florent Schmidt, Weltanschauungsmusik, wie sie vor der Jahrhundertwende en vogue war. Saties Musik hält höfliche Distanz zum Hörer, sie schämt sich fast dafür, zu sein, sie will nichts vom Hörer, außer dass er ein freundliches Gesicht auflege und die Töne absichtslos wahrnehme. Freundlichkeit und Höflichkeit sind in der Musik eine Seltenheit, und wer je eine gute, weil unkitschige Version der „Gymnopédie No. 1“ gesucht hat, weiß, wie selten. Die „Vexations“ zu spielen ist wie Tai Chi. Man macht dabei kein sentimentales Gesicht. Man macht überhaupt kein Gesicht. Man kommt zur Ruhe.

Dies ist ein rares Gut und schwer zu erreichen. Ingo Metzmacher erzählte mir folgende Geschichte: Mit dem Ensemble Modern dirigierte er vor Jahren einen Abend, der zur einen Hälfte aus Musik von Satie, zur anderen aus Musik von Cage bestand, der Satie für die Avantgarde des 20. Jahrhunderts entdeckt hatte. Cage saß bei der Probe im Zuschauerraum, Metzmacher probierte zunächst Cages Musik. Nervös dreht er sich ab und an um und fragte: „John, ist das richtig so?“ Und der freundliche und höfliche John Cage winkte jedesmal lächelnd ab: „Wunderbar, macht nur weiter so, es ist alles prima.“ In der Probenpause fragte Metzmacher Cage, ob er bleiben wolle, sie würden danach Satie probieren. Cage stimmte feurig zu. Und Metzmacher hatte keine zwei Takte probiert, als Cage auf die Bühne gestürmt kam und erregt ausrief: „So geht das nicht, ihr macht das ganz falsch, das muss alles viel absichtsloser gespielt werden!“ Er nahm Satie viel ernster als die eigene Musik.

Nichts zu wollen, ist eine ernste Sache.

Christoph Becher

Christoph Becher, Intendant des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn, spielt einen 30-minütigen Auszug aus „Vexations“ vor Beginn des Theaterabends „Relâche“ im Theater Heilbronn am 25. April 2014.

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