Das Württembergische Kammerorchester mit Frank Peter Zimmermann in Istanbul

Sonnenaufgang_Istanbul_Foto_HansGeorgFischer

Sonnenaufgang über Istanbul, Foto: Hans Georg Fischer

Allen Reiseaktivitäten des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn zum Trotz – Istanbul stand in der über 50jährigen Geschichte des Kammerorchesters ausgesprochen selten auf dem Tourneeplan. Die Vorfreude auf die Stadt zwischen Europa und Asien, zwischen Schwarzem Meer und Marmarameer ist also groß, und einigen Orchestermitgliedern gelingt es, ein, zwei Tage dran zu hängen. Natürlich sind wir zum Arbeiten gekommen, aber es ist auch nicht verwunderlich, wenn sich einzelne Gruppen am Mittag im Großen Basar treffen oder in der überwältigenden Moschee Hagia Sophia verstohlen zuwinken. Unser Hotel liegt direkt neben der Flanier- und Shopping-Meile Istiklal Caddesi, in deren Seitengassen das Nachtleben mit ohrenbetäubender Lautstärke tobt. Die Gitarre spielenden Kollegen beschallen je ein Lokal mit jeweils größerer Phonstärke als der direkte Nachbar, und wer hinsieht, kann erahnen, dass sämtliche Lieder von den jungen Besuchern lauthals mitgesungen werden; zu hören ist das nicht.

Konzert im Bankenviertel

Dienstag Abend dann ein ganz anderes Istanbul. Der Veranstalter IS Sanat gehört zur IS Bank, der Konzertort befindet sich also im Bankenviertel. Frankfurt liegt am Bosporus. Schon vormittags prüfe ich mit den beiden Kontrabassisten die Leihinstrumente (solide), und als wir den Saal verlassen, ist gerade Mittagspause. Tausende junger türkischer Banker, männlich wie weiblich, schlängeln sich durch den obligatorischen Stau auf den breiten Straßen und verteilen sich auf die zu wenigen umliegenden Restaurants und Bistros. Frau Ova von IS Sanat (Geburtsort: Stuttgart!) sagt mir, dass sie ein Afterwork-Publikum haben; am Abend aber unterscheidet es sich kaum vom Kulturbürgertum in Deutschland. Wir fühlen uns wie zu Hause – nicht zuletzt dank eines fabelhaften und geradezu freundschaftlichen Teams hinter der Bühne.

Eine beglückende Begegnung

Vor 30 Jahren hat Frank Peter Zimmermann mit dem Württembergischen Kammerorchester unter Jörg Faerber Mozarts Violinkonzerte eingespielt. Lange haben wir nicht mehr mit ihm zusammen gearbeitet, doch als sich Orchester und Solist letzte Woche zur ersten Probe gegenüber stehen, ist eine große Vertrautheit von der ersten Sekunde an spürbar. Das WKO befindet sich in seinem Element, es wird gemeinsam und mit blindem Einverständnis musiziert. Wie einfach Mozart klingen kann, ohne jede Form von Gehabe und Präsentation, und wie viel Sorgfalt und Arbeit doch dahinter steckt. Der Schwung im vollen Saal von IS Sanat reißt auch das Publikum mit. Man applaudiert hier normalerweise „asiatisch“, d. h. heftig, aber kurz. Diesmal staunt das türkische Team über drei Verbeugungen des Solisten schon vor der Pause.

Wir verlassen Istanbul am Mittwoch, als sich dichter Nebel über der Stadt ausbreitet. Die Bilder, die wir mitnehmen, sind hingegen gestochen scharf.

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