„Chopin war DER Typ“

„Chopin war DER Typ“ (Helge Schneider)

„Klassik lebt von der individuellen Interpretation eines jeden Musikers“ – Für Olga Scheps schwingt in diesem Satz das Besondere an der klassischen Musik und ein wichtiger Grund, warum die Tochter zweier Pianisten den gleichen Beruf ergriffen hat wie ihre Eltern. Doch Klassik ist natürlich nicht gleich Klassik. Warum schlägt das Herz der jungen Frau gerade für Frédéric Chopin? Ihr Debut-Album mit dem schlichten Titel „Chopin“ widmete sie ganz dem berühmten Klavierkomponisten der Romantik und erhielt dafür direkt einen ECHO-Klassik. Im Dezember sind Olga Scheps und Frédéric Chopins 2. Klavierkonzert mit dem WKO in der Heilbronner Harmonie und im Ulmer Kornhaus zu hören.

Frédéric Chopin und seine Musik
Wie Scheps, so ist auch Chopin mit der Musik aufgewachsen. Der in Warschau geborene Sohn eines Franzosen und einer Polin begann mit dem Klavierspiel, als er vier Jahre alt war, den ersten Unterricht erhielt er mit sieben. Noch im selben Jahr veröffentlichte er seine erste Komposition, einen polnischen Tanz, die „Polonaise“. Mit acht Jahren trat Chopin erstmals auf. Im Alter von 21 Jahren ging er nach Paris, wo er in den Salons auftrat, als Klavierlehrer sein Geld verdiente und einen großen Freundeskreis fand, dem unter anderem Franz Liszt, Hector Berlioz und Jakob Meyerbeer, sowie die Schriftsteller Honore de Balzac und Heinrich Heine angehörten.
Chopins Kompositionen sind stark von seiner Herkunft, d. h. von den rhythmischen und melodischen Eigenheiten der polnischen Volksmusik, geprägt. Als Komponist ist er der Begründer eines völlig neuen, bis dahin nicht gekannten Klavierstiles. Der romantisch-lyrische Charakter seiner Musik ist gekennzeichnet von hoher Virtuosität, origineller Melodieführung, subtiler Rhythmik und modulationsreicher Harmonik. Er wurde wegen seiner Virtuosität und Improvisationskunst als „Nachfolger Mozarts“ bezeichnet. Seine romantisch-poetische Klavierkunst hat die Klaviermusik bis ins 20. Jahrhundert stark beeinflusst.

Olga Scheps bei „Helge hat Zeit“

Olga Scheps und Chopins Musik
Chopins Kompositionsstil bietet dem Interpreten viel Raum für eine eigene musikalische Gestaltung seiner Werke. Sicherlich ist das für Olga Scheps, die gerade diese Offenheit der Klassischen Musik als ganz besonders empfindet, ein wichtiger Grund, sich für die Musik des Romantikers zu entscheiden.
Geboren 1986 in Moskau, entdeckte die Tochter zweier Pianisten im Alter von vier Jahren das Klavierspiel für sich. Ihre Studien auf dem Instrument intensivierte sie nach dem Umzug der Familie nach Deutschland 1992. Bereits in jungem Alter entwickelte sie ihr einzigartiges Klavierspiel, das intensive Emotionalität und Ausdrucksstärke mit außergewöhnlichem pianistischen Können vereint. Dieses Talent entdeckte auch Alfred Brendel, der Olga Scheps seit ihrem 15. Lebensjahr fördert.
Scheps’ Repertoire umfasst in erster Linie Werke der Klassik und Romantik. Gleichermaßen gilt ihr Interesse Kompositionen, die selten auf Konzertbühnen zu hören sind, darunter sind auch die posthumen Etüden von Chopin. Ihre Solo-Recitals sind beim Publikum in aller Welt ebenso gefragt wie ihre umjubelten Auftritte als Solistin mit Orchester und ihre kammermusikalischen Projekte.

Wie hört sich dieses Verhältnis von Interpretin und Komponist nun an?
Julia Spinola hat sich für DIE ZEIT Olga Scheps‘ Interpretation von Frédéric Chopins Musik angehört: „In Wahrheit gibt es kaum etwas Schwierigeres auf dem Klavier, als jene gestaltsichere Offenheit zu realisieren, in der sich Chopins Musik scheinbar spontan immer wieder neu und überraschend entfaltet. Wer seine Klanglandschaften mit dem Gestus des Kenners durchmisst, dem nichts fremd und verborgen ist, hat immer schon verloren.
Dass Olga Scheps das Klavierspielen als Tochter zweier Pianisten wie eine Muttersprache erlernt hat, kommt ihr hier ungemein zugute. Ihr Rubato, ihr freier Umgang mit Beschleunigung und Verlangsamung, ist weit mehr als nur subjektive Manier. Es strömt frei und stimmig zugleich und zielt auf die Verdeutlichung der einzelnen Charaktere: geradezu traumverloren in den Verzierungen und Arabesken der Mittelsätze beider Konzerte, insbesondere des Larghettos im f-Moll-Konzert, das der 19-jährige Chopin als Liebeserklärung an eine Sängerin komponierte.“

Konzert und Aufnahme im Doppelpack

Felix Klieser und das Württembergische Kammerorchester spielen eine CD mit Hornkonzerten von Joseph und Michael Haydn sowie Fragmenten eines Hornkonzertes von Wolfgang Amadeus Mozart ein.

Beim CD-Debüt von Felix Klieser stand die Romantik im Mittelpunkt: Gemeinsam mit dem Pianisten Christof Keymer hatte er 2013 Werke von Rheinberger, Glière, Glasunow, Schumann, Saint-Saëns und Strauss eingespielt. „Die neue CD sollte auf jeden Fall eine andere musikalische Epoche zum Thema haben“, so Felix Klieser. Die Wahl fiel auf die Klassik. „Da ich für die Hornkonzerte von Mozart noch zu jung bin, entschied ich mich für Haydn, dessen Werke ich gut kenne und sehr gern spiele“. Hinzu trat ein Hornkonzert von Michael Haydn, das Klieser bereits auf einem Festival in Österreich zu Gehör gebracht hatte. Doch irgendetwas von Wolfgang Amadeus Mozart muss in einem klassischen Programm doch zu hören sein. Auf der Suche stieß der junge Hornist auf Fragmente des Konzertes für Horn und Orchester KV 370b und 371, die das Programm wunderbar ergänzen.

Reveries

Nun galt es das passende Orchester zu finden. Gemeinsam mit seinem Label „Berlin Classics“, das die CD-Einspielung produzieren wird, begab sich Klieser auf die Suche. „Ein Kammerorchester sollte es sein, das war klar. Wir haben verschiedene betrachtet, sind dann aber ziemlich schnell beim WKO gelandet“. Bereits die CD „Opera!“, die das WKO gemeinsam mit der Klarinettistin Sharon Kam 2013 eingespielt hatte, war bei „Berlin Classics“ erschienen. „Das war eine sehr professionelle und fruchtbare Zusammenarbeit, so dass uns die Entscheidung sehr leicht gefallen ist und die Freude über die Zusage des WKO groß war“, erzählt Bernd Kussin, Produkt Manager des Labels, der die Zusammenarbeit von Orchester und Solist initiiert hat.

Ein gemeinsames Konzert am 22. November in Neuenstadt ist der Startschuss für die Zusammenarbeit. In der daran anschließenden Woche steht die Einspielung auf dem Programm. WKO-Chefdirigent Ruben Gazarian und Felix Klieser haben sich in einem langen Telefonat bereits über die Reihenfolge und verschiedene weitere organisatorische Fragen verständigt. Musikalisch lernen sich Solist, Dirigent und Orchester zu den Proben, zwei Tage vor dem Konzert kennen. Wenig Zeit, um sich mit einander bekannt zu machen, doch schon fast ausgiebig im Vergleich zur Praxis anderer Orchester. Es ist immer wieder erstaunlich, welch große Vertrautheit aus so kurzer Probenzeit entsteht, in der sich völlig fremde Menschen musikalisch zusammenfinden. „Das ist der Job“, sagt Felix Klieser dazu schlicht und lacht.

Uraufführung: “Gegen-Sätze” von Jörn Arnecke

Am 5. November steht im 3. Heilbronner Konzert Barockmusik von Johann Sebastian Bach der Uraufführung des Werkes „Gegen-Sätze“ des Hamelner Komponisten Jörn Arnecke gegenüber. Der Förderkreis für Neue Musik Heilbronn e.V. hat die Komposition in Auftrag gegeben, die speziell für das Württembergische Kammerorchester Heilbronn entstanden ist. Die Leitung des Abends übernimmt Paul Goodwin – ein ausgewiesener Spezialist für historisch informierte Interpretation sowie für neue Musik, Solistin in den Werken der alten und ganz neuen Musik ist Céline Moinet, Solo-Oboistin der Sächsischen Staatskapelle. Johann Sebastian Bachs Brandenburgische Konzerte Nr. 4 und 5 bilden die Klammer um das Konzertprogramm, in dessen Zentrum Musik erklingt, die zum ersten Mal überhaupt der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Welche Beziehung hat Jörn Arnecke als Komponist in der Jetzt-Zeit zu Bach? Welche Ideen standen am Anfang der Komposition? Wie sieht der Komponist sein Publikum? Welchen Einfluss nimmt die Besetzung auf die Komposition? Beim Gedanken an neu entstehende Musik tauchen viele Fragen auf. Fragen, auf die niemand bessere Antworten geben kann als der Komponist selbst.

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Jörn Arnecke schreibt zu seinem Werk:

Jede Komposition benötigt einen Funken, der sie entzündet. Manchmal liefern die Auftraggeber ihn gleich mit: Bei der Komposition, die im Auftrag des Förderkreises für Neue Musik Heilbronn e.V. für das Württembergische Kammerorchester entstand, sollte ich einen Bezug zu Johann Sebastian Bach herstellen. Dies bestimmte meinen Zugang zum Stück: Wie möchte ich mich Bach nähern? Was bedeutet Bach für mich? Wie lässt sich dies in einer zeitgemäßen Tonsprache ausdrücken?

Der andere Weg, in die Komposition zu finden, geschieht bei mir immer über die Besetzung, hier über die Vorstellung der klanglichen Verbindung der Oboe mit dem Streichorchester. Erinnerungen spielen eine Rolle, an viele kammermusikalische Erlebnisse mit Oboe, an Konzertklänge mit dem Württembergischen Kammerorchester. Das Denken und Imaginieren sucht sich seinen Weg, Ideen werden abgeklopft, verwirklicht oder verworfen (eine Zeitlang spielte ich mit dem Gedanken, das Stück als Verbeugung vor Carl Philipp Emanuel Bach zu komponieren – nicht unpassend für eine Uraufführung 2014, im Jahr seines 300. Geburtstages, zumal ich in Weimar lebe, seiner Geburtsstadt – aber ich wollte mich dann doch nicht vor der Auseinandersetzung mit Johann Sebastian Bach drücken).

Bis zum Schluss beschäftigte mich die Frage, wie stark der Hörer oder die Hörerin diesen Bezug zu Bach erfahren soll. Wie nahe darf ich der Musik Bachs treten?

Die „Gegen-Sätze“ zeigen Kontraste. Die Satztitel vermitteln es, geben Impulse, wecken Erwartungen, umreißen Bilder. Dabei habe ich die musikalische Struktur aus der Gegenüberstellung zweier Satztypen gewonnen, die Bachs Musik kennzeichnen: Polyphonie (welche die meisten Musiker mit Bach verbinden: Fuge, Invention, Kanon …) und Homophonie (erfahrbar in Bachs Chorälen, obwohl diese durchaus auch polyphone Anteile enthalten). Damit geht die Oboe als Soloinstrument ganz verschiedene Bezüge zum Streicherapparat ein: Mal führt sie ihn an, mal verschmilzt sie mit ihm, mal kontrastiert sie. Mal spielt sie vertraute Klänge, mal ungewohnte Mehrstimmigkeit, mal Geräuschhaftes wie in der „Schattenfuge“ …

In einem Satz entschloss ich mich, die Verbindung zu Bach besonders deutlich herzustellen. Dies mag Vertrautheit schaffen, es soll aber vor allem die Ohren öffnen, denn die Oboe überlagert hier den Bach-Choral mit der gleichen, gedehnten Melodie; sie entrückt das Zitat unserer Wirklichkeit. Wir erleben Bach in sich selbst reflektiert, ein kurzer Moment der Berührung.

Die Oboe darf immer wieder ihre kantable Seite ausspielen, von den hügeligen Bewegungen, mit denen die Komposition beginnt, bis hin zum letzten Satz mit großen Melodiebögen, die vierteltönig angereichert werden. So soll die Komposition sich – in der Auseinandersetzung mit Bach – gleichzeitig von ihm lösen. Denn ein Vorbild ist auch nur ein Bild.

„Hoffen und trauen“ heißt der vierte Satz nicht ohne Grund. Dies gilt auch für die neue Musik allgemein: Sie muss auf unvoreingenommene Ohren hoffen und sich trauen, aus der Tradition heraus den eigenen Weg zu finden.

 

Der Komponist Jörn Arnecke
Jörn Arnecke, 1973 in Hameln geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Komponisten seiner Generation. Er schrieb Musiktheater-Stücke u.a. im Auftrag der RuhrTriennale („Unter Eis“ mit Falk Richter, Uraufführung 2007), der Hamburgischen Staatsoper („Das Fest im Meer“ nach John Berger, 2003, sowie „Butterfly Blues“ nach Henning Mankell, 2005) und der Oper Bremen („Kryos“ mit Hannah Dübgen, 2011). Weitere Aufführungen erklangen an der Bayerischen Staatsoper, am Zürcher Opernhaus und an der Staatsoper Prag. 2015 wird seine Familienoper „Ronja Räubertochter“ nach Astrid Lindgren an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf-Duisburg uraufgeführt. 2004 war er Hindemith-Preisträger des Schleswig-Holstein Musik Festivals.
Jörn Arnecke studierte Komposition und Musiktheorie bei Volkhardt Preuß und Peter Michael Hamel an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Zuvor hatte er Kompositionsunterricht bei Wilfried Hiller in München. 1997 / 98 war er einer der letzten Schüler von Gérard Grisey am Pariser Conservatoire National Supérieur. 1997 wurde er als Preisträger des Kompositionswettbewerbs der Freien und Hansestadt Hamburg zum Brahms-Jahr ausgezeichnet, 1998 errang er den Förderpreis des Göttinger Symphonie Orchesters.
Jörn Arnecke war Stipendiat der „Studienstiftung des deutschen Volkes“. Er schrieb u.a. Werke im Auftrag der Münchener Biennale, der Expo Hannover und des Brucknerhauses Linz. Am Pariser IRCAM-Institut war er angestellt für das Internet-Projekt „Studio en ligne“. Von 2001 bis 2009 arbeitete er als Teilzeitprofessor für Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, zum Oktober 2009 folgte er einem Ruf auf eine Professur für Musiktheorie und Gehörbildung an die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar.
Die Freie und Hansestadt Hamburg verlieh ihm 2003 das Bach-Preis-Stipendium. Stipendien der Bundeskünstlerförderung führten ihn nach Venedig und Olevano Romano bei Rom. Von April bis September 2009 war er Stipendiat am Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia Bamberg. Eine CD mit seinem Orchesterstück „Frage“, gespielt vom Göttinger Symphonie Orchester unter seiner Leitung, erschien bei thorofon; der Mitschnitt seines Musiktheaters „Das Fest im Meer“ ist bei NCA veröffentlicht.

www.arnecke.de

Art-Rock von Mikhail Chekalin im redblue

Die „redblue meets Klassik“-Saison 2014/15 beginnt am 25. Oktober 2014 mit einer Art-Rock-Komposition von Mikhail Chekalin – Ein guter Grund, um sich sowohl das Genre, als auch den Komponisten einmal genauer anzuschauen.

Art-Rock ist eine Stilrichtung der Rockmusik, deren Kompositionsweise sich an der klassischen Musik orientiert. Die in den sechziger Jahren erstmals formulierte Sehnsucht der Popmusiker nach intellektueller Anerkennung wurde hier auf die Spitze getrieben: Die Art-Rock-Bands lehnten sich an die Lieblingsmusik des Bildungsbürgers an, der „ernsten“ Musik des 18. und 19. Jahrhunderts. Dabei repräsentiert Art-Rock den Ansatz hin zu anspruchsvollen Produktionsweisen, großen Formen und neuen visuellen Darstellungen. Charakteristisch sind ausgedehnte Instrumental- bzw. Soloteile, akustische Effekte aller Art und die Produktion von Konzeptalben. Ausgangspunkt des Art-Rock waren die Konzeptalben der Beatles („Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club“, ein Album, das zahlreiche Bands inspirierte) und der Beach Boys („Pet Sounds“) Zu den bekanntesten Vertretern des Art-Rock gehören auch Procol Harum, Pink Floyd, Cream und Jimi Hendrix.

„Last Seasons“ ist eine Komposition in elf Teilen für Kammermusikorchester, die in den Jahren 1997 und 1998 entstand. Das Werk ist kraftvolle Musik, in der sich Anklänge an Prokofiew bis Pärt wiederfinden. Eine CD-Einspielung mit dem „Moscow Chamber Music Orchestra“ aus dem Jahr 2006 liegt vor. Zur Aufführung in einem Konzert kam es bislang noch nicht – Das „redblue meets Klassik“-Konzert am 25. Oktober ist somit also eine Premiere.

Zur CD-Einspielung gibt es aber bereits Presse-Stimmen wie “…timeless avant-garde striving for the essence of life and music” oder “a powerful stream proceeding from Prokofjev, say, to Pärt, in the mystical tradition of Scriabin, Stravinsky, Shostakovich…”

Mikhail Chekalin wurde 1959 in Moskau geboren und zählt heute zu den modernsten Komponisten Russlands. Als Komponist sinfonischer wie kammermusikalischer Werke verschiedenster Genres, Keyboarder, Maler und Grafiker ist er in unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen zu Hause. Zu Beginn seiner Karriere stand er als Musiker auf der Bühne und brachte u. a. seine eigenen Werke zur Aufführung. In diesen wandte er sich zunehmend gegen die offizielle kulturelle Auffassung der UDSSR. Zudem war er einfach viel zu jung und unorthodox, um sich dem rigoros konservativen Mainstream der sowjetischen zeitgenössischen ernsten Musik anzupassen. Die hieraus resultierenden Konsequenzen und die Ignoranz des kulturellen Establishments schränkten ihn in der freien Ausübung seiner Kunst ein und führten ihn in den kulturellen „Untergrund“. So wurde er in den 70er-Jahren Keyboarder bei „Samozvetin“, einer Art-Rock-Kultband des Moskauer Untergrunds. Inzwischen bekennt er sich zu einer mystischen Tradition des Komponierens, zu einer zeitlosen Avantgarde, auf der Suche nach dem Wesen von Leben und Musik und der inneren Verbindung beider.

Chekalins ausführliche Biografie sowie Hinweise auf seine Musik und seine Bilder sind hier zu finden: www.chekalin.com

Saisonstart beim WKO und die Erfüllung eines Herzenswunsches

Nach einem ausverkauften Konzert des Hohenloher Kultursommers im Kloster Schöntal, bei dem sich das WKO am 7. September gemeinsam mit der Klarinettistin Annelien van Wauwe und Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ aus der Sommerpause zurückmeldete, begannen diese Woche die Proben für einen vielseitigen und prall gefüllten Konzertmonat.

Auf dem Programm stand zunächst ein Konzert im Saalbau Homburg mit dem jungen Pianisten Kit Armstrong und dem Trompeter Wolfgang Bauer, der dem Württembergischen Kammerorchester seit vielen Jahren eng verbunden ist. Die Leitung übernahm Markus Korselt, Leiter der Homburger Meisterkonzerte und Geschäftsführer der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik.

Am Samstag beginnen die Proben unter Chefdirigent Ruben Gazarian für den Saisonauftakt in der Harmonie Heilbronn. Bis zur Generalprobe am Mittwoch-Vormittag stehen Dmitri Schostakowitschs 14. Sinfonie und Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ in einer Streichorchesterfassung des WKO-Cellisten Georg Oyen auf den Notenständern im Probesaal.

„Die neue Konzertsaison hat es schon am Anfang in sich: großformatige Meisterwerke der Musikgeschichte und gleich zwei Konzertreisen“, sagt Intendant Dr. Christoph Becher. „Im Programm des ersten Heilbronner Mietekonzerte wollten Ruben Gazarian und ich unbedingt die 14. Sinfonie von Schostakowitsch bringen: eines seiner persönlichsten und intimsten Werke. Gesungen werden die elf Gedichte der Sinfonie von der international nachgefragten Sopranistin Elena Zhidkova und vom Bass Andreas Hörl, mit dem ich viele schöne Produktionen an der Hamburgischen Staatsoper gemeistert habe und der jetzt im Wiener Ensemble ist.“

Nahtlos an das Konzert schließen sich die Proben für eine Konzertreise nach Niedersachsen an. Gemeinsam mit dem Bratscher Nils Mönkemeyer und der Geigerin Veronika Eberle gibt das Württembergische Kammerorchester Anfang Oktober vier Konzerte bei den Niedersächsischen Konzerttagen, einem der renommiertesten Musikfestivals Norddeutschlands.

 

Komplexität kommt in Mode

Das geflügelte Nashorn, Maskottchen des Konzerthaus Dortmund, Foto: Pfeffer

Das geflügelte Nashorn, Maskottchen des Konzerthaus Dortmund, Foto: Pfeffer

Ein Gastbeitrag von Benedikt Stampa, Intendant Konzerthaus Dortmund

Vor einigen Jahren wurde der damalige Sender NDR 3 in NDR Kultur umgetauft. Mit dieser Umbenennung ging eine „inhaltliche Reform“ einher. Die Sender nannten diese Reform „Innovation“. Nicht mehr länger sollten Tag für Tag die gleichen Werke der Klassischen Musik unkommentiert und für den geneigten Hörer viel zu lang dahinklingen. Mit sinnigen Moderationen junger Sprecher, mit der Aufspaltung der Sätze in kleine Häppchen, mit „Musikfarbe“ und anderen chirurgischen Eingriffen wollte man, genau, junges Publikum an den Sender binden, die Zielgruppen erweitern und „näher“ heran kommen an den Hörer.

Wenn damals das Wort „Partizipation“ schon die Bedeutung gehabt hätte, die es heute hat, so wäre es gefallen.

Einige Jahre später. Mein Weg führt mich regelmäßig aus dem Ruhrgebiet in Richtung Norden. Irgendwann kurz nach der Raststätte „Dammer Berge“ wechselt der Sender von meinem vertrauten WDR 3 auf eben diesen reformierten Sender NDR Kultur ­– und mich graust es jedes Mal.

Dafür bekommt der NDR Rundfunkgebühren? Mich schaudert, wenn ich diesen Sender höre. Er ist ein reiner „Klangfarbensender“ geworden. Die Werke werden zerstückelt gesendet und bunt zusammengewürfelt (obwohl ich weiß, dass ein ausgefeiltes Computerprogramm hinter dem Programmmix steckt), unerträglich klingen die Wohlfühlstimmen der Moderatoren. Barock-Arien folgen auf Filmmusik, diese wiederum auf chillige Lounge-Musik. Ab und zu ein Satz aus Weberns Klarinettenkonzert und zum Schluss David Garrett. Musik garantiert fusselfrei.

Aber man ist ja angeblich nahe dran am Hörer.

Ich meine, hier wurde eine „Idee“ ohne Rücksicht auf Verluste durchgedrückt und dabei ein – ja, ich nenne es so: – Kulturgut auf dem Altar der Anbiederung geopfert. Denn die Reichweiten von NDR Kultur haben sich in den nachfolgenden Jahren nicht signifikant verbessert. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk sollte anders aussehen und sich anders anhören.

Und damit wäre ich bei meinem Thema. Continue reading

Kinderkonzert Keloglan und die Tochter des Sultans

Keloglan

Keloglan

WKO für Schulen: Ein Märchenprojekt für aufgeweckte Zuhörer von vier bis zehn Jahren

Ein Konzertbesuch mit der ganzen Schulklasse ist ein unvergessliches Erlebnis für die jungen Zuhörer des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn. Am 8. und 9. Juli 2014 ist es wieder soweit: Jeweils um 9.30 und um 11 Uhr finden unter dem Titel „Keloglan und die Tochter des Sultans“ vier Kinderkonzerte für Grundschüler im Wilhelm-Maybach-Saal der Festhalle Harmonie statt. Die Teilnahme kostet 4€ pro Schüler, zwei Begleitpersonen pro Schulklasse sind frei. Für die 11 Uhr-Vorstellungen gibt es noch Tickets. Continue reading

Dominique Horwitz über Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“

Dominique Horwitz, Foto: Ralf Brinkhoff

Dominique Horwitz, Foto: Ralf Brinkhoff

Wann haben Sie zum ersten Mal Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ gehört?

Vor etwas mehr als zehn Jahren. Der Mitteldeutsche Rundfunk hatte mich deswegen angefragt und seitdem verfolgt mich musikalisch der Dreibeinige.

Welche Wirkung hat das Werk auf Sie?

Eine bombastische. Die Unausweichlichkeit der Katastrophe, die Zeit und die Ereignisse die auf der Bühne bewusst komprimiert werden, das ist es, was dieses Werk so modern und unsterblich macht.

Neben dem Erzähler lesen Sie ja auch Soldat und Teufel. Wie schaffen Sie es die Rollen so schnell zu wechseln?

Kunst, vor allem Musik, hat viel mit Rhythmus zu tun. Für einen Schauspieler ist es zuweilen ein Vorteil, etwas musikalisch zu sein.

Wird die Darstellung eines solchen Themas einfacher, wenn die Musik hinzukommt?

Das ganze Leben wird einfacher, wenn die Musik hinzukommt.

Hilft es dabei nicht nur Schauspieler, sondern auch Sänger zu sein?

Bei der Geschichte vom Soldaten ist es wie mit den meisten Aufgaben im Leben. Sie meistern sie besser mit Partnern, Freunden oder Kollegen. Wenn der Schauspieler auf der Bühne gleichsam Teil des Orchesters ist, denkt keiner mehr über Abgrenzungen und Schubladen nach. Und das macht das Leben spannend.

Warum lohnt es sich Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ live zu erleben?

Es ist ein großes Thema, jeder sollte darüber nachdenken, was es heißt, seine Seele zu verkaufen. Es ist großes Theater, es ist große Musik. Und es ist zugleich große Unterhaltung.

Dominique Horwitz ist im Konzert am 25. Juni in der Heilbronner Harmonie mit dem Württembergischen Kammerorchester zu hören.

Sonne über der Maimusik

Württembergisches Kammerorchester Heilbronn zieht positive Bilanz des Festivals „Maimusik Heilbronn“

Kiliansplatz bei der Maimusik, Foto: Johannes Pfeffer

Kiliansplatz bei der Maimusik, Foto: Johannes Pfeffer

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ – so lautete die Losung des Festivals „Maimusik Heilbronn“ des Württembergischen Kammerorchesters, das vom 14. bis zum 25. Mai 2014 erstmalig an verschiedenen Spielorten in Heilbronn stattgefunden hat. Drei Konzerte des Festivals waren unter freiem Himmel zu hören, was bei der nicht ganz eindeutigen Wetterlage im Wonnemonat Mai ein Wagnis darstellte. Auch das neue Konzept, dessen Idee es ist, unter dem Motto „Musizieren mit Freunden“ unterschiedlichste Gäste zum Festival einzuladen und an ungewöhnlichen Spielorten in der Stadt vorzustellen, ist aufgegangen – das Kammerorchester hat gewagt und: gewonnen.

Rund 6000 Besucher bei der Maimusik

Rund 6000 Besucher wurden mit den zehn Konzerten des Festivals erreicht und das Württembergische Kammerorchester Heilbronn hat viele neue Freunde gewinnen können. „Es hat geklappt: Wir wollten in die Stadt gehen und mit Open-Air-Konzerten auch Personenkreise zum Hören klassischer Musik einladen, die üblicherweise nicht in unsere Konzerte kommen“, freut sich WKO-Intendant Dr. Christoph Becher. „Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen, das Festival ist sehr gut angenommen worden – das ist ein toller Start in den Sommer“. Continue reading