Bericht zur großen musikalischen Akademie zum Vortheile von Herrn Ludwig van Beethoven am Mittwoch, dem 2ten April 1880 im kaiserlich königlichen National-Hof-Theater

Foto: WKO

Foto: WKO

Was für eine Bereicherung für Wien! Seit nunmehr acht Jahren lebt Herr Ludwig van Beethoven nun in der schönen Donaustadt – und welch’ Inspiration hat sie ihm geschenkt. Spätestens seit seiner gestrigen ersten musikalischen Akademie können wir mit Fug und Recht behaupten: Wien beherbergt, neben Joseph Haydn, einen der größten Komponisten unserer Zeit!

Ein langer und ereignisreicher Abend erwartete die zahlreichen Zuhörer im bald ausverkauften Saal des National-Hof-Theaters. Auf dem Programm stehen laut Ankündigung: Ein grosses Konzert auf dem Piano-Forte, gespielt und komponirt von Hrn Ludwig van Beethoven. / Ein Sr. Majestät der Kaiserinn allerunterthänigst zugeeignetes, und von Hrn. Ludwig van Beethoven komponirtes Septett, auf 4 Saiten und 3 BlasInstrumenten, gespielt von denen Herren Schuppanzigh, Schreiber, Schindlecker, Bär, Nikel, Matauscheck, und / Dietzel. / … / Sodann wird Herr Ludwig van Beethoven auf dem Piano-Forte fantasiren. / Eine neue grosse Symphonie mit vollständigen Orchester, komponirt von Herrn Ludwig van Beethoven.

Der Abend beginnt mit einem wahrhaft großen Konzert für das Piano-Forte, gewidmet ist es Beethovens Schülerin Babette Gräfin von Keglevich de Buzin. Als der Meister die Bühne betritt, wird es still im Saal. Viel gehört hatten die Meisten von seinem kontrastreichen Spiel und dem bizarren, ja gewalttätigen Ausdruck, so dass er schon als eine Art Apotheose von Genie und Schöpferkraft gehandelt wurde.

Leise erklingt der Kopfsatz mit einer im piano vorgetragenen Orchesterexposition. Beethoven verwendet erstmals auch Pauken, Klarinetten und Trompeten in der Besetzung des Klangkörpers. Auch ein zweites, kantables Thema wird im Orchester vorgestellt, bis ein marschartiger Nachsatz zum Einsatz des Soloinstruments führt. Und dann halten wir alle den Atem an – kurz vor Konzertbeginn machte das Gerücht die Runde, das Klavier sei zu tief gestimmt. Tatsächlich war es auch so, wie der Meister beim anschließenden Empfang berichtete. So habe er das Werk kurzerhand in Cis transponiert erklärt er, ohne die Miene zu verziehen.

Schon nach den ersten Takten ist klar: Beethoven hat sich sein Konzert auf den Leib geschrieben. Vieles von seiner pianistischen Vortrags- und Improvisationskunst hat er hier einfließen lassen. Das erste groß angelegte Allegro ist überaus virtuos gehalten, besonders das schöne gesangliche Hauptthema strömt besinnliche Ruhe und klanggesättigte Schönheit aus. Und war das Komponierte noch nicht genug, so würzte der Meister den Klavierpart auch während der Konzert-Aufführung mit Improvisationen. Nach einem weit ausschwingenden, vielfach arabesk perlenden poetischen Largo folgt der wohl schönste Satz: das humorige Finale. Hier herrscht Fröhlichkeit, geradezu Übermut, fast derb setzt das Klavier mit dem Hauptgedanken ein, dem anmutige und tänzerische Seitenthemen gegenübergestellt werden.

Der geschulte Wiener Konzertbesucher, aber vermutlich auch jeder, der nicht so häufig das Theater betritt, mag die Eigenständigkeit, die Direktheit und das Selbstbewusstsein des so eminent pianistisch komponierenden Virtuosen wahrgenommen haben. Nicht außer Acht lassen darf man aber auch die kompositionstechnischen Neuerungen, die das Klavier stellenweise sinfonisch in das Orchesterspiel integrieren und den Solopart eng mit dem Tutti verzahnen.

Allerdings muss den Kollegen von der Allgemeinen Musikalischen Zeitung recht gegeben werden, wenn sie das Nachfolgende anmerken: „Es zeichnete sich dabei das Orchester der italienischen Oper sehr zu seinem Nachtheile aus. Erst – Direktorialstreitigkeiten. Beethoven glaubte mit Recht, die Direktion nicht Herrn Conti, und niemand besser als Herrn Wranitzky anvertrauen zu können. Unter diesem wollten die Herren nicht spielen. Die oben gerügten Fehler dieses Orchesters wurden sodann desto auffallender, da B.‘s Komposition schwer zu executiren ist. Im Accompagniren nahmen sie sich nicht die Mühe auf den Solospieler Acht zu haben; von Delicatesse im Accompagnement, von Nachgeben gegen den Gang der Empfindungen des Solospielers u. dgl. war also keine Spur. Im zweiten Theil der Symphonie wurden sie sogar so bequem, daß, alles Taktirens ungeachtet, kein Feuer mehr – besonders in das Spiel der Blasinstrumente zu bringen war. Was hilft bei solchem Benehmen die Geschicklichkeit – die man den meisten Mitgliedern dieser Gesellschaft im Mindesten nicht absprechen will? Welchen bedeutenden Effekt kann da selbst die vortrefflichste Komposition machen? …“

Von dieser Eintrübung des Hörgenusses abgesehen, haben wir mit dem Klavierkonzert ein zukunftsweisendes Meisterwerk gehört, dem noch viele weitere an diesem Abend folgten!

Die Kritik stammt von unserer Mitarbeiterin Judith Heinrich, die extra für die Berichterstattung über dieses Konzert für den WKO-Blog eine Zeitreise unternommen hat.

Rund 131 Jahre später hat Margarita Höhenrieder das Erste Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn aufgeführt. Einen Videomitschnitt haben wir in unserem Youtube Kanal veröffentlicht.

Posted in WKO Special and tagged , , , , , , .

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>